Tuina Anmo: Akupunktur mit den Händen
Mensch im Mittelpunkt
Tuina Anmo oder nur Tuina ist die Manualtherapie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und hat ihren Ursprung in der chinesischen Massage, Orthopädie und Traumatologie. Tuina ist eine der insgesamt fünf klassischen Heilverfahren der TCM: Akupunktur, Diätetik, Phytotherapie, Qi Gong und eben Tuina.
Die Silben Tui, Na, An und Mo definieren die vier wichtigsten Griffe dieser einzigartigen Behandlungsmethode: TUI heißt schieben, NA greifen, AN steht für drücken und MO bedeutet kreisendes streichen. In China wird unter "Tuina" meist die chiropraktische Manipulation des Bewegungsapparates verstanden, während "Anmo" die Massage der Weichteile, dazu zählen Haut, Faszien, Muskeln, Bänder und Sehnen beinhaltet.
Außerhalb Chinas - auch hierzulande - wird Tuina allgemeinhin als gesundheitsfördernde und wohltuende Massage in Gemeinschaftspraxen, Studios, Wellnesshotels oder Spas angeboten.
Wie in der Akupunktur, arbeitet man im Tuina Anmo an den Meridianen (Leitbahnen), also jenem körperweiten Netzwerk, das wie ein Straßennetz alle Funktionen des Menschen verbindet. Die Akupunkturpunkte auf den Leitbahnen werden mit den Händen stimuliert, um den Körper bei äußeren und inneren Beschwerden aller Art zu unterstützen. Das heißt, Tuina Anmo kann begleitend bei fast allen bekannten und auch neuen Erkrankungen (Long Covid, Fatigue Syndrom), in der Rekonvaleszenz und bei postoperativen Beschwerden eingesetzt werden.
Der "Tuina Anmo Practitioner", so die Berufsbezeichnung in Österreich, macht sich stets ein Bild darüber, wie es dem Gegenüber gerade geht und was therapeutisch zu tun ist. Nämlich anhand der Interpretation von Zunge, Puls und Körpermerkmalen (Haltung des Bewegungsapparates, Palpation des Gewebes und der Reflexzonen), woraus sich eine Differenzialdiagnose nach TCM (Bian Zheng) ableiten lässt.
Selbstverständlich fließen aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Ernährungsgewohnheiten und die Lebensumstände in die TCM-Anamnese mit ein. Davon ausgehend wird ein individuelles Anwendungskonzept erstellt – die wahrscheinlich größte Stärke der TCM.


Therapeutische Wirksamkeit von Tuina Anmo
Die Ausführung am Bewegungsapparat erfolgt schließlich in oder gegen die Wirkrichtung des Qi (sprich "Tschi") in den Meridianen. Das heißt, entweder tonisierend oder sedierend. In der TCM fließt nämlich das Qi in einem fortwährenden Kreislauf nach oben Richtung Kopf oder nach unten zu den Füßen. Die Tuina-Massagegriffe kommen großflächig oder lokal an Akupunkturpunkten oder Triggerpunkten, punktuell als auch reflektorisch zum Einsatz. Die Intensität variiert dabei von sanft bis kräftig, stets dynamisch, rhythmisch, teils mit hoher Frequenz, aber immer an die jeweilige Konstitution und das Beschwerdebild der Person angepasst.
Doch anders als in der Akupunktur, bei dem der TCM-Arzt die Akupunkturpunkte der Hauptleitbahnen nadelt, behandelt der Tuina Anmo Practitioner die Tendinomuskulären Meridiane (TMM, oder Englisch "Sinew channels"). Das sind die äußeren Schichten des Körpers, dh. Haut, Muskulatur, Bänder, Sehnen und Faszien. Die therapeutische Wirksamkeit von Tuina Anmo beruht auf der Wiederherstellung der Leitfähigkeit für das Qi in den TMM. Verklebungen werden gelöst, Stauungen beseitigt, Gewebe und Gelenke wieder in ihre richtige Position gebracht. Und nachdem im Körper alles mit Allem über fasziale Strukturen in Verbindung steht, wirkt sich die Tuina-Massage energetisch und funktionell sowohl auf äußerere als auch auf innere Dysbalancen aus!
Qi, der chinesische Begriff für Lebensenergie, durchströmt unseren Körper wie Elektrizität und wirkt als zündender "Funke im System", so wie es der englische TCM-Arzt Dr. Daniel Keown in seinem gleichnamigen Buch treffend beschreibt. Das freie Fließen des Qi in den Meridianen gilt nach chinesischer Vorstellung nämlich als Voraussetzung für Gesundheit und Vitalität.
Ähnlich wie bei Wind ist das Qi zwar nicht sichtbar, aber man spürt die Wirkung, wenn es in die falsche Richtung fließt (etwa bei Schluckauf), nicht genug davon vorhanden (Erschöpfung), stagniert (diffuser, wandernder Schmerz) oder blockiert ist (lokaler Schmerz). Unsere biologische Elektrizität treibt alle Zellfunktionen an und wo viel Qi ist, herrscht Lebendigkeit.
Warum wohl schlägt ein Herz? Und warum strahlen wir bis über beide Ohren, wenn wir glücklich sind? Die alten Chinesen gaben dieser Leuchtkraft des Qi den Namen "Shen". Jeder TCM-Practitioner strebt nach einem Ausgleich zwischen Yin und Yang, die zwei Urkräfte des Lebens an sich. Oder westlich ausgedrückt - das Streben nach dem homöostatischen Gleichgewicht.
TCM - empirische Heilkunst mit eigener Nomenklatur
Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine ganzheitliche Erfahrungsmedizin mit einer jahrtausendealten Geschichte. Sie hat ihren Ursprung im Daoismus (Laozi), Konfuzianismus (Konfuzius) sowie Buddhismus und ist eine Schatzkiste für diejenigen, die sich ihr öffnen: Wir profitieren heute nicht nur vom Wissen über die Akupunktur und von den Kenntnissen zu Diätetik und Heilkräutern, sondern auch von der Volksmedizin (Gua Sha, Schröpfen, Moxen), den Kampfkünsten (Kung Fu, Tai Chi, Qi Gong) sowie dem Feng Shui (sprich Fong Shue), der Lehre über Harmonie. Die TCM versucht mithilfe ihres eigenen diagnostischen Systems (Bian Zheng) das energetische Gleichgewicht des Menschen in ihrer Gesamtheit wiederherzustellen. Ähnlich wie beim Mindmapping, hat man damit eine wunderbare Orientierungshilfe zur Hand, für das Verstehen der Zusammenhänge und für die einzusetzenden Techniken. Nicht die Krankheit steht im Fokus, sondern die Selbstregulation und die Gesundheit des Körpers.
Für mich liegt die Schönheit der TCM in ihrer Präzision durch Effizienz, Logik und ihrer didaktischen Stärke, komplizierte Vorgänge einfach erklären zu können. Beschwerden werden zunächst nach 8 therapeutischen Leitkriterien (Ba Gang) eingeteilt: Yin oder Yang, Innen oder Außen, Leere oder Fülle, Kälte oder Wärme. Die Kunst besteht darin, die wechselnde Dynamik zwischen den Phänomenen der 5 Elemente (Wu Xing, sprich Wu Sching) zu erkennen und bei Störungen therapeutisch einzugreifen. Bei uns im Westen wird diese Form der Vereinfachung oftmals als zu esoterisch abgetan. Aber vielleicht liegt es nur daran, weil man in China bildsprachlich denkt und fühlt. Hingegen setzt die vergleichsweise junge, moderne Medizin ausschließlich auf numerologische Ergebnisse und gewinnt ihre Kenntnisse aus evidenzbasierten Studien. Ebenso ein Versuch, wie ich meine, komplizierte biologische Vorgänge zu simplifizieren.


Antike Heilkunst für die Menschheit bewahrt
Eine kleiner Ausflug in die Geschichte: Tuina entwickelte sich aus dem Anmo, was so viel wie Massage bedeutet. Beide Begriffe werden im heutigen chinesischen Sprachgebrauch oftmals synonym verwendet.
Die frühesten archäologischen Schriften zu Tuina stammen aus der Shang-Dynastie, ca. 1800 v. Christus. Der große Klassiker der Massage "Huang Di Qi Bo An Mo Shi Juan" (Zehn Bände der Massage von Huang Di und Qi Bo) aus “Der Gelbe Kaiser”, dem Huang Di Nei Jing, ist leider unauffindbar und nur aus Zitaten anderer Autoren bekannt. Entstanden ist das berühmte historische Standardwerk Huang Di Nei Jing wahrscheinlich zwischen 475 und 221 v. Chr., jedoch soll es bereits 2600 v. Chr. von Huang Di und seinen Beratern verfasst worden sein. Die Tendinomuskulären Meridiane (chin. Jing Jin), werden übrigens im Huang Di Nei Jing, Su Wen, erwähnt und detailierter im Ling Shu, Kapitel 13, beschrieben.
Sun Simiao der wahrscheinlich bedeutendste und populärste TCM-Arzt der chinesischen Geschichte (581-682 n. Chr.), hinterließ der Nachwelt u.a. eine 30-bändige Abhandlung zur medizinischen Praxis seiner Zeit. Sein Werk “Rezepturen, die tausend Goldstücke wert sind” (Bei Ji Qian Jin Yao Fang, 652 n. Chr. publiziert) gilt als erste Enzyklopädie der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es enthält nicht nur eine Sammlung aus 4.500 Kräuterrezepturen, sondern auch Empfehlungen zur Behandlung von inneren und äußeren Erkrankungen, Schriften zur Frauen- und Kinderheilkunde, Pulsdiagnose, Akupunktur, Moxibustion, Ernährungslehre, Vergiftungslehre und Tuina-Massage. Von Sun Simiao ist etwa überliefert, was jeder Manualtherapeut heute als Triggerpunkt (Ashi, sprich Ah Sherr) kennt: “Wenn der Behandler einen Punkt betastet und der Patient schreit A-H, so ist der Ah Shi-Punkt gefunden”.
Ganzheitliches Denken im therapeutischen Alltag
Im heutigen China wird TCM in Krankenhäusern gleichberechtigt neben der modernen Medizin angeboten. Sie wird im Rahmen eines fünfjährigen Medizinstudiums (Tuina, Kräuter, Akupunktur) unterrichtet, danach werden die Auszubildenden in der klinischen Praxis von Professoren mit jahrzehntelanger Erfahrung angeleitet. Beide Welten stehen nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen einander zum Wohle der Patienten. So gelingt in meinen Augen der Schulterschluss uralte Traditionen mit dem modernen Menschen und seinen aktuellen Beschwerden in Einklang zu bringen. Die Chinesen sind eben pragmatisch.
Was tue ich für Sie? Und was können Sie für sich selbst tun?
Als jahrtausendalte Manualtherapie der TCM, hilft Tuina Anmo vor allem bei Beschwerden am Bewegungsapparat. Vorbeugend und präventiv können Sie mit Tuina Anmo Ihren Körper aktiv unterstützen und Ihre Verspannungen, Bewegungseinschränkungen, Menstruationsbeschwerden, Verdauungsbeschwerden oder Schlafstörungen und vielen chronischen Erkrankungen positiv beeinflussen.
Ganzheitlich gedacht, nützen Sie doch die Erkenntnisse der modernen und traditionellen Medizinsysteme gleichermaßen zu Ihrem Besten. Und bitte denken Sie daran, Ihren Arzt zu konsultieren um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen.
Mein erster Lehrer der östlichen Naturheilkunde, übrigens ein hervorragender Diagnostiker und nach alter Tradition auch Meister in der Kampfkunst mit hunderten Schülern, sagte immer: "Die TCM gibt dem Menschen die Verantwortung für seinen Körper wieder zurück".
In diesem Sinne lade ich Sie dazu ein, Methoden der TCM kennenzulernen, um für Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre Gesundheit selbst zu sorgen.





